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crime
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posted 1 year ago
Access denied

Das Büro war klein und nur sehr spärlich eingerichtet; mit einigen Regalen und Aktenschränken, einem kleinen Garderobenständer und einem Schreibtisch war es eher das Whitehall-Äquivalent eines Besenschranks als das Büro eines Regierungsbeamten. Es war im Erdgeschoss am Ende des Flurs gelegen und besaß zwei Fenster, die auf eine Rasenfläche und ein paar alte Bürogebäude hinauszeigten. In einem eher unerfolgreichen Versuch, dem Raum zumindest etwas Persönlichkeit zu verleihen, waren ein paar Bilder aufgehängt worden; eine Ansicht der Tower Bridge und des Big Bens mitsamt des Parlamentsgebäudes, ein paar Postkarten mit weiteren Touristenmotiven, ein Stadtplan der Innenstadt und ein gewaltiges Portrait der Queen, das die Wand hinter dem Schreibtisch dominierte und einem direkt entgegen blickte, sobald man durch die Tür trat. Da standen keine Familienfotos auf dem säuberlich aufgeräumten Schreibtisch, es gab keine unerledigte Korrespondenz im Briefefach und bis auf einen Stapel erst kürzlich abgelegter Akten und ein paar Stempel war alles andere ordentlich in den Schränken verstaut.

Wollte man etwas über denjenigen erfahren, der hier arbeitete, musste man schon etwas genauer hinsehen. Hinweise fanden sich nur sehr subtil, aber sie waren da, wenn man wusste, wonach man suchte: Es war vermutlich das einzige Büro des ganzen Hauses, in dem sich kein Computer befand. Das dunkle Holz der Möbel war perfekt aufeinander abgestimmt und sehr bewusst ausgesucht worden, und zusammen mit einer Art Deco Lampe auf dem Schreibtisch und dem großen Ledersessel verriet es zumindest ein wenig über den persönlichen Geschmack. Der Schreibtisch selbst war groß aber nicht pompös oder klotzig. Er war ein Gebrauchsgegenstand, kein Statussymbol. Alles in allem wirkte es tatsächlich wie das Büro eines niederen Regierungsbeamten, lediglich das rote Notfalltelefon neben dem gewöhnlichen schwarzen deutete darauf hin, dass hier jemand arbeitete, der von größerer Wichtigkeit war.

An dem Garderobenständer hing ein dunkler Trenchcoat und ein Regenschirm war an den zweiten Haken gehängt worden. Eine Pfütze auf dem Boden darunter bestätigte den Wetterbericht, der für die nächsten drei Tage 90% Regenwahrscheinlichkeit vorausgesagt hatte. Tatsächlich waren das Prasseln des Regens gegen die Fenster und das Kratzen eines Füllfederhalters auf Papier die einzigen Geräusche, die die abendliche Stille durchbrachen. Alle Kollegen waren bereits vor Stunden nach Hause gegangen, nur die massige Gestalt von Mycroft Holmes hockte noch tief über den Schreibtisch gebeugt da und wälzte Zahlen hin und her.

Wie üblich gab es viel zu tun und viel zu wenig Zeit. Brasilien steckte bis zum Hals in einer ausgewachsenen Wirtschaftskrise, deren Auswirkungen längst auch bei ihnen zu spüren waren, in Afrika wurden Staatspräsidenten ermordet und zwischen einem Militärputsch auf den Komoren und dem Rücktritt des Finanzministers in Frankreich konnte er eigentlich gerade noch darauf hoffen, eine kleine Pause für einen Mitternachtssnack einlegen zu können. Unaufhörlich wanderte seine Feder über das Papier, schrieb Zahlen über Zahlen über Zahlen (der Grund, warum er keinen Computer besaß, war nicht der, dass er zu altmodisch dafür war – er brauchte ihn schlicht und ergreifend nicht, weil sein Gehirn in der gleichen Geschwindigkeit und sehr viel effizienter arbeitete), während der Tee neben ihm längst kalt geworden war.

Sein Telefon klingelte. Ohne den Schreibfluss zu unterbrechen nahm Mycroft den Hörer ab. „Holmes, HMRC.“

Am anderen Ende der Leitung räusperte sich jemand. „Ah, bitte entschuldigen Sie die späte Störung, Mr. Holmes… DS Lestrade. Wir haben Ihren Regierungsausweis gefunden.”

Der Füller stockte und ein riesiger Tintenklecks breitete sich auf dem Papier aus, aber Mycroft schenkte dem Malheur keinerlei Beachtung mehr. Zum ersten Mal seit Stunden hob er den Blick und stellte nebenbei fest, dass es draußen mittlerweile dunkel geworden war. Die Deduktion, die seinen Gesprächspartner verwirren und gleichzeitig dafür sorgen würde, dass Mycroft seine Arbeit liegen ließ und sich – mit für einen Mann von seinem Format erstaunlichem Geschick – aus seinem Sessel erhob, war simpel: Er verlegte seine Ausweisdokumente nicht. Er verlor sie auch nicht und er ließ sie sich nicht stehlen. Mycroft war niemals unaufmerksam. Die Tatsache, dass er dieses Dokument vermisste und bereits vor Jahren hatte neu beantragen müssen, sprach für den, der es genommen hatte. Es ging nicht so sehr darum, dass Scotland Yard seinen Ausweis gefunden hatte.

Es ging um denjenigen, der ihn bei sich getragen hatte.

Mycroft war nicht sicher, ob seine Besorgnis oder die Erleichterung überwog und er beschloss, einfach beides zu übergehen. Dennoch fand er, dass seine Stimme eigenartig wenig nach ihm selbst klang als er fragte: „Wie geht es ihm?“

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posted 1 year ago
071. Broken

Erst in den frühen Morgenstunden kamen sie ein wenig zur Ruhe. Der Raum war stickig und ein bisschen zu heiß, aber Bas war zu faul, um aufzustehen und das Fenster zu öffnen, und Patrick schien es genauso zu gehen. Es war ihr fünftes Treffen in sechs Monaten. Das mochte nicht nach sonderlich viel aussehen, aber wenn man berücksichtigte, dass er in der Zwischenzeit dreimal um die Welt gegondelt war und der andere als Sicherheitsdienst beim Sicherheitsdienst arbeitete und seine Arbeitszeiten mindestens genauso verrückt waren wie Bas, war es schon fast wieder ein halbes Weltwunder.

Hinzu kam, dass er sich nur selten mehr als zwei oder drei Mal mit jemandem traf, also… konnte man in ihrem Fall ja schon fast von so etwas wie einer Beziehung sprechen (er zog allerdings ‚Affäre‘ vor, weil das unkonventioneller und irgendwie verbotener klang).

„Lieblingseissorte?“, erkundigte sich Pat, der es sich zur Aufgabe gemacht zu haben schien, ihn nun ein wenig besser kennen zu lernen.

„Zitrone.“

„Hmm, Walnuss. Tee oder Kaffee?“

„Kaffee.“

„Dito. Dein erster Kuss… wie alt?“

Bas griff nach seiner Bierflasche und leerte die lauwarme Plörre in einem Zug, rülpste gedehnt und kratzte sich träge schmatzend am Bauch. Er musste nicht überlegen. „Vier.“

„Awww“, machte der andere übertrieben feminin und Bas beobachtete, wie sich das kantige Gesicht zu einem breiten Grinsen verzog. Es war offensichtlich, dass Pat an eine süße kleine Sandkastenromanze dachte, sodass er es auch kommentarlos zuließ, dass der andere ihn in die Wange kniff wie eine peinliche Tante auf einer Geburtstagsfeier. „Aber warte – Mädchen oder Junge?“

Sebastians Miene wirkte von alldem eher unbeeindruckt und die hellen Augen funkelten kühl, ehe er erwiderte: „Es war der Boss von meinem Vater.“

Irgendwie gab es ihm sogar eine gewisse Genugtuung, wie das Grinsen langsam aus Pats Gesicht bröckelte als er verstand. Die Stimmung im Raum schwang daraufhin jedoch schlagartig um und Bas hielt das für den geeigneten Zeitpunkt, um sich zu verdrücken. Er hatte wirklich keine Lust, Ehrengast auf seiner eigenen Mitleidsparty zu sein, sodass er aus dem Bett krabbelte und seine Shorts von der Stehlampe pflückte, bevor Pat irgendetwas Intelligenteres eingefallen war als: „Oh.“

„Hast du meinen anderen Schuh gesehen?“

„Bas, ich hatte keine Ahnung-“

Du hast ihn irgendwo hingeworfen!“

Er fand ihn schließlich unter dem Bett und während er ihn zuschnürte, setzte sich der andere im Bett auf. „Was hat dein Pa dazu gesagt?“

Bas musste lachen und erhob sich wieder, um in seine Jacke zu schlüpfen. Natürlich hatte der alte Moran ihm kein Wort geglaubt und das, liebe Kinder, war die Geschichte, wie Sebastian endgültig nicht mehr nur als Unruhestifter und Nervensäge, sondern auch als notorischer Lügner abgestempelt worden war.

„Ich nehme mir zwanzig Pfund für ein Taxi.“

Er hielt den Schein kurz in die Luft und wedelte demonstrativ damit, aber Pat schien das gar nicht richtig wahrzunehmen.

„Tut mir leid, ich wollte wirklich nicht…“

„Ja, ja.“

„Ich ruf dich an?“

Er musterte Patrick noch einen Moment, wie er in den zerwühlten Laken saß und mit zerzausten Haaren und einem besorgten Blick zu ihm hinübersah, und Bas stellte fest, dass er nichts mehr dabei empfand außer dem Wunsch, endlich hier rauszukommen und frische Luft zu atmen. Also grinste er kurz und machte dann wortlos auf den Hacken kehrt, um die stickige Wohnung zu verlassen.

Sie wussten beide, dass er nicht wiederkommen würde.

posted 1 year ago
034. Not enough

Es war ein ganz harmlos scheinender Dienstag, an dem Sebastian endgültig die Fassung verlor. Im Grunde war er nie jemand gewesen, der viele Tränen verschwendet hatte… gelegentlich hatte er geweint, weil er so wütend gewesen war, dass er diese angestauten Emotionen irgendwie hatte loswerden müssen. Trauer hingegen war ihm fremd. Aber an diesem Tag weinte er, weil es so wahnsinnig wehtat und weil sein ausgezehrter Körper ihn betrog, sodass er sich nicht dagegen wehren konnte.

Eine Weile hatte er sich eingeredet, dass es so war wie immer, wenn Jim unterwegs war. Es war nicht ungewöhnlich, wenn er ihn wochenlang nicht zu Gesicht bekam und Bas hatte gelernt, damit umzugehen. Eine Weile hatte das auch funktioniert. Aber allmählich festigte sich die Gewissheit, dass die Ärzte und Vollidioten von Verhörexperten tatsächlich Recht hatten und er den anderen niemals wiedersehen würde. Es waren Monate vergangen und er war immer noch hier, umgeben von Verrückten und solchen, die auf dem besten Wege dahin waren (und das waren nur die Wärter). Jim war nicht da und seine Abwesenheit ließ alles so viel dunkler erscheinen. Die Aussicht auf eine Ewigkeit ohne ihn und nur mit seiner Erinnerung erdrückte Sebastian regelrecht. Die Erinnerung wurde dem anderen nicht gerecht, außerdem hatte sie begonnen zu verblassen. Und heute war der Tag, an dem er vergessen hatte, wie der andere schmeckte. Zuerst hatte er zu zittern begonnen, als hätte jemand die Heizung abgedreht. Dann war ihm die Luft knapp geworden und noch immer schnürte sich ihm die Kehle zu, ohne dass irgendjemand dafür verantwortlich war außer ihm selbst.

Bas hatte sich auf seiner Liege zusammengekauert und presste sein Gesicht an die kühle Wand, um sich die feuchten, heißgeröteten Wangen zu kühlen, während sein dünner, viel zu knochiger Körper krampfartig von Schluchzern geschüttelt wurde. Er kannte sich aus mit Schmerzen. Wahrscheinlich hätte man sogar behaupten können, dass er eine Art Experte dafür war. Doch dieser Schmerz kam von innen, und er saß tief, weil er ein Teil von ihm war. Es fühlte sich an, als hätte ihm jemand die Lungen aus der Brust gerissen und einen schweren Stein hineingelegt. Seine Stimme klang rau und heiser, irgendwie fast schon urzeitlich und gar nicht wie er selbst.

Das passierte, wenn man andere in sein Herz schloss, sagte eine wissende, verbitterte Stimme in der hintersten Ecke seines Verstands… und wahrscheinlich stimmte das. Seine Mutter hatte er schließlich auch geliebt, und sie hatte ihn verlassen, als er dreizehn gewesen war. Aber, verteidigte er sich, er hatte ja schließlich gar keine Wahl gehabt. Jim war wie eine Naturgewalt in sein Leben getreten, wie hätte er sich nicht in ihn verlieben können? Es war nicht seine schuld. Er war immer schon allein gewesen, aber niemals einsam. Bas hatte immer sich selbst gehabt. Und erst jetzt war das auf einmal nicht mehr genug.

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I won’t kiss you. It might get to be a habit and I can’t get rid of habits.
F. Scott Fitzgerald, Flappers and Philosophers    
reblogged 2 years ago & 3 notes
sherlockvholmes:

Timing
posted 2 years ago & 2 notes
023. Lovers

Sebastian liebte Jim.

Er liebte den Singsang seiner Stimme, das satte, kräftige Braun seiner Iris, das so dunkel wie Kohle und so hell wie Schokolade sein konnte, die kleinen Fältchen um die großen Augen herum, wenn der andere grinste, und er liebte es, wie Jim ihm wehtat. Er liebte es, sich in ihm zu verlieren und mit ihm zu stehen und zu fallen, er liebte die Aufregung und die Ruhe danach, er liebte Jims Wut und seine Launen, die jederzeit umschwenken konnten, aber vor allem liebte er es, gebraucht zu werden. Benutzt zu werden, vielleicht sogar. Er liebte es, für den anderen da zu sein und das Gefühl zu haben, für ihn unersetzlich zu sein. Er liebte die Art, wie Jim in sein Leben gedrungen war und ihn vollkommen in Besitz genommen hatte, als hätte er gar keine andere Wahl gehabt als ihm zu folgen, ebenso wie er es liebte, dass der andere ihm (wenn auch unbeabsichtigt) die Möglichkeit gab, endlich und zum ersten Mal in seinem Leben ganz und gar er selbst zu sein. Und natürlich liebte er das Spiel mit dem Feuer.

Jim liebte das Spiel auch.

Er liebte Abwechslung und die faszinierende Komplexität der Einfachheit, er liebte Intelligenz und sich selbst, er liebte es, seine Grenzen auszutesten und dann darüber hinaus zu gehen. Er liebte Herausforderungen und er liebte den Triumph, aber nur dann, wenn er nicht allzu leicht zu erringen war… und genau deswegen liebte er Sherlock Holmes. Er hasste es, zu verlieren. Und wenn es etwas gab, das er noch mehr verabscheute als die Dummheit der Leute, dann war das Langeweile und Eintönigkeit, denn er hatte schon vor langer Zeit herausgefunden, dass das eine der elementarsten Wahrheiten dieser Welt war: Sie war langweilig und eintönig; außer man tat etwas dagegen. Er tat etwas dagegen. Und manchmal, aber nur manchmal, liebte er es auch, dabei nicht mehr ganz allein zu sein.